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Wildnis wirkt

 

Woher kommt der allgegenwärtige Trend, regelmäßig aus unseren komfortablen Plastikwelten ausbrechen zu wollen, und was ist das Ziel?

 

Unsere Körper sind zu 100% natürlichen Ursprungs, abgesehen von Implantaten enthalten sie kein Erdöl, aber unser Umfeld besteht vermehrt daraus. Mangelt es da an Resonanz?

Ausserdem leben wir innerhalb eines immer enger geflochtenen und durchgängig kontrollierten Regelwerks, der Idee sicheren Zusammenlebens folgend. Doch bezwecken viele dieser Regeln hinter ihrer ansprechenden Fassade nicht bloß brachiale Machtabsicherung, und dienen der Bereicherung jener, die sie durchsetzen?

Was ist nun vertraubar, was ist "virtuelle" Täuschung?

 

Hier wächst ein Bedürfnis nach Authentizität, das in unverstellter Natur zu befriedigen ist, wo alles ganz unverblümt sich selbst lebt.

Wenn wir vollbepackt mit hilfreichen Errungenschaften der Zivilisation für einige Tage in die Natur aufbrechen, überschreiten wir jene Grenze, bis zu der menschengemachte Regulation dominant greift.

Als erstes fällt eine durchdringende Stille auf, die das gewohnte Dröhnen in unseren Ohren so richtig laut erscheinen lässt.

Unsere im Kopf gesteckten Ziele eisern verfolgend, wandern wir eine Zeitlang vor uns hin. Klar, hier gilt es einige Grundregeln des Hausverstandes für das Bewegen in unbekanntem Terrain zu befolgen.

 

Nach und nach überwiegt jedoch die Wahrnehmung, dass wir uns als kleine Teilchen in einem großen Ganzen bewegen, in dem eine von unserem Zutun unabhängige, umfassende Harmonie herrscht. Es kommt sogar der Eindruck auf, in diesem übermächtigen Ganzen geschützt zu sein, und dass es wohltuend ist, hineinzuentspannen.

Jetzt enthüllt sich die Bedeutung von Heinrich Harrers legendärem Ausspruch: "Sobald ich die Zivilisation verlasse, fühle ich mich sicher."

 

Diese Empfindung breitet sich nach und nach über unser gesamtes Hiersein aus, das im altbekannten nomadischen Rythmus von Lageraufbau, Kochen am Feuer, Sterneschauen und neuem Aufbruch abläuft.

So etwa bis zum dritten Tag verändert sich auch der Umgang mit den uns begleitenden Menschen. Sture Tourenplanung löst sich im eigendynamischen Dahingleiten des Lebensstroms auf. Bei Meinungsverschiedenheiten findet sich ein ausgewogener Konsens jenseits der Dominanz eines Einzelnen.

 

Es ist klar, dass diese Betrachtung stark vom Kontrast zum aufgeheizten städtischen Alltag lebt. Doch die Rückverbindung zu unseren Wurzeln in der Natur ist real und relativiert wohltuend unsere abgehobene alles-ist-möglich-solange-wer-zahlt Mentalität.

Im Alltag nehmen wir unsere eigene Rolle im Umgang mit anderen mal als ungewöhnlich wichtig, dann wieder als verschwindend bedeutungslos wahr. Das ist beobachtbar, und auch dass es sich abwechselt.

Wir können uns aber auch als emanzipierte Teile eines gemeinsamen Ganzen erleben, so wie es hier in der "Wildnis" geschieht. Und das hat immense Auswirkungen auf unseren Alltag, denn jede Gesellschaft lebt von der Qualität ihrer Beziehungen.

 

 

  

Es folgen einige aktuelle Fotos von unserer Allerheiligen-Durchquerung des Cicarija Gebietes, einem Bergland im Norden Istriens. Denn daraus ergab sich die Anregung zu diesem Beitrag: